Testimony - Truth or Politics

Vor 25 Jahren war der Krieg sehr nah. Südlich der Steiermark und Kärntens wurde gekämpft. Manchmal konnte man von dort Artilleriefeuer hören. Von außen war kaum zu durchschauen, wer da gegen wen kämpfte und warum Jugoslawien in eine Reihe kleinerer Länder zerfiel, in denen nationalistische Rhetoriken den Krieg mit politischen Mitteln fortsetzen.
Um den Konflikt wenigstens im Nachhinein verständlich zu machen, haben sich im Westen und auch in Österreich Erzählungen etabliert, in denen ethnische und religiöse Differenzen als Erklärungen herangezogen werden. Ist dieser Krieg beendet? Er soll Geschichte geworden sein, so scheint es; die Kriege der Gegenwart zu verstehen ist kompliziert genug.
Doch möglicherweise ist auch der Krieg in Jugoslawien deutlich komplizierter als die Geschichtsbücher glauben machen wollen, und möglicherweise ist er längst nicht vorbei, obwohl die Waffen schweigen. In Jugoslawien und auch in Österreich leben hunderttau-sende Menschen, die in diesen Kriegen gekämpft haben, die vor ihnen geflohen sind, die Angehörige, Hab und Gut verloren haben.
Für viele ist der Krieg Teil des Alltags geblieben. Sie verloren ihre Heimat, denn das Land, in dem sie aufwuchsen und das sie liebten, existiert nicht mehr. Durch die Zerstörung der Jugoslawischen Gesellschaft verschwanden soziale Institutionen und  mit ihnen gesellschaftliche Bezugsrahmen und die Sicherheit persönlicher Netzwerke.
 
Wie reagieren die Menschen darauf? Wie lässt sich mit solchen Kriegen und den unvermeidlich traumatischen Erfahrungen der Beteiligten so umgehen, dass die Konflikte nicht auf die nächsten Generationen übertragen werden und andere – gewaltfreie – Möglichkeiten der Konfliktlösung möglich werden?
In Zusammenarbeit mit Organisationen von KriegsteilnehmerInnen (Kriegsveteranen, Flüchtlingen, Binnenvertriebenen, Familien gefallener SoldatInnen und ziviler Opfer) behandeln das Center for Cultural Decontamination und The Ignorant Schoolmaster and his Commitees aus Belgrad sowie Boem* aus Wien diese Fragen. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen wurden unzählige Round-Table-Gespräche und Interviews geführt, aus denen ein Archiv entstanden ist. Die dabei zu Wort kommenden Menschen blicken nicht aus der historischen Totalen auf die Geschehnisse. Vielmehr erzählen sie eine soziale Geschichte von persönlichen und kollektiven Erfahrungen. Was sie hervorbringen, sind keine Dokumente, sondern Zeugnisse. Die Kriege in Jugoslawien erscheinen in einem anderen Licht als dem medialen. Sichtbar wird ein sehr konkreter Krieg mit ebenso konkreten Ursachen und Folgen.
 
Die Ausstellung zum Projekt Testimony – Truth or Politics vereinigt künstlerische Positionen, die sich mit diesen Interviews und den sie verhandelnden Fragen auseinandergesetzt haben.



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